Die neuen Texte stammen von Schülern des Eckhorst-Gymnasiums in Bargteheide

17. Juli 2015 www.stormarn-kulturell.de

Bürgermeister Dr. Henning Görtz (4. v. l.) freut sich zusammen mit den Schülern und Projektleitern über die neuen Texte, die aus der „Sprachdusche“ kommen. © Foto: Büddig
Bürgermeister Dr. Henning Görtz (4. v. l.) freut sich zusammen mit den Schülern und Projektleitern über die neuen Texte, die aus der „Sprachdusche“ kommen. © Foto: Büddig Bürgermeister Dr. Henning Görtz (4. v. l.) freut sich zusammen mit den Schülern und Projektleitern über die neuen Texte, die aus der „Sprachdusche“ kommen. © Foto: Büddig
 

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes:
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!

Johann Wolfgang von Goethe

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Das moderne Kunstwerk „Sprachdusche“ am alten Dorfteich (Rathausstraße/Mittelweg) in Bargteheide ist neu bestückt: 32 Schüler des Gymnasiums Eckhorst haben sich Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) zum Vorbild genommen und eifrig gedichtet und getextet. Ihre originellen Gedichte und Geschichten ertönen, sobald man auf den Knopf mit dem grünen Dusch-Symbol drückt. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – das berühmte Zitat aus Goethes Tragödie „Faust“ („Osterspaziergang“) hat den Jugendlichen als Denkanstoß gedient. Die Worte, die aus der „Sprachdusche“ statt des Wassers sprudeln, sind oft sehr poetisch, aber mitunter auch provokant. Es gibt Lyrik und Prosa, und auch Poetry-Slam – auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Polnisch. Die Jungen und Mädchen der 5b haben sich mit der Stadtgeschichte befasst und dazu einen Quiz entwickelt. Die 2008 eingeweihte „Sprachdusche“ soll die Kommunikation fördern. Anfangs waren Texte zum Thema „Wasser“ zu hören. Wegen der Wasserscheide in Bargteheide gab es dazu einen besonderen Bezug. Doch jetzt war die Zeit reif für neue Werke.

Die „Sprachdusche“ am alten Dorfteich soll die Kommunikation fördern. Das sieht das Konzept der Künstler Matthias Berthold und Andreas Schön vor. © Foto: Büddig
Die „Sprachdusche“ am alten Dorfteich soll die Kommunikation fördern. Das sieht das Konzept der Künstler Matthias Berthold und Andreas Schön vor. © Foto: Büddig Die „Sprachdusche“ am alten Dorfteich soll die Kommunikation fördern. Das sieht das Konzept der Künstler Matthias Berthold und Andreas Schön vor. © Foto: Büddig

Der Wechsel der Texte gehört zum Konzept, das die Künstler Matthias Berthold und Andreas Schön für die „Sprachdusche“ ersonnen haben. Gedacht ist daran, dass Schritt für Schritt ein kollektives Hörspiel der Bargteheider entsteht. Bürgermeister Dr. Henning Görtz hatte in der Schule nachgefragt, ob die Schüler Interesse hätten, in das Projekt einzusteigen. Die Resonanz war enorm. Die Jugendlichen konnten für die Aufnahmen ihrer literarischen Werke die professionelle Technik des Studios von Radio Eckhorst Bargteheide nutzen, das seit 2010 existiert. Eine Gruppe von 15 jungen Radiomachern produziert dort jede Woche eine Magazin-Sendung, die in den Schulpausen gesendet wird. Es ist ein Außenstudio des Offenen Kanals. Einige Beiträge laufen in Schleswig-Holstein auch landesweit oder bei „Tide“ in Hamburg. „In der Oberstufe bieten wir auch ein Medienprofil an“, so der Deutsch- und Geschichtslehrer Michael Schwarz, der das Studio mit den Schülern aufgebaut hat.

Cooles Treffen

Die Gedichte und Geschichten ertönen auf Knopfdruck. 32 Schüler haben sich an dem Projekt beteiligt. © Foto: Büddig
Die Gedichte und Geschichten ertönen auf Knopfdruck. 32 Schüler haben sich an dem Projekt beteiligt. © Foto: Büddig Die Gedichte und Geschichten ertönen auf Knopfdruck. 32 Schüler haben sich an dem Projekt beteiligt. © Foto: Büddig

Von Goethe zu Shakespeare: Einer der Beiträge, die sich auf Knopfdruck über den Zuhörer ergießen, ist die Balkonszene aus der Tragödie „Romeo und Julia“. „Wir haben diese Szene überspitzt dargestellt“, erklärt Sanna Reiche (18), die mit Flemming Stein (18) zusammen gearbeitet hat. „Shakespeares Balkonszene aus einem anderen Stockwerk“ lautet der Titel. In der neuen Fassung, die wie das Original auf Englisch ist, ist es keine romantische Liebesszene mehr, sondern ein cooles Treffen von zwei jungen Leuten, die Klartext reden, manchmal zweifeln und mitunter auch derbe fluchen. So, als wenn die Kino-Komödie „Fack ju Göhte“ hier als Inspiration mit hineingespielt hätte. Bei einem Text über das brutale Töten von männlichen Küken in der Massentierhaltung ist der Wohlklang der Worte mit derber inhaltlicher Kritik verbunden. Das geht unter die Haut. „Theoretisch können manche Menschen schwimmen, weil sie hohl sind. Sie gehen aber unter, weil sie nicht ganz dicht sind …“ – auch dieses witzige Wortspiel kommt aus der Sprachdusche. Oft ist die Poesie der Gymnasiasten auch sehr nachdenklich. Wer sich als Literaturfreund alle neuen Texte der Sprachdusche anhören möchte, müsste etwa 45 Minuten in dem Open-Air-Badezimmer verweilen. Doch man kann auch einfach hineinhören und je nach Interesse weiterklicken.

Stadtgeschichte

Die Klasse 5b hat die Stadtgeschichte recherchiert und einen Text dazu verfasst. Außerdem haben die Jungen und Mädchen etliche Daten und Fakten über Bargteheide zusammengetragen und daraus ein Quiz entwickelt. „Zu den Fragen gibt es immer mehrere Lösungsvorschläge, und die richtige Antwort kommt dann nach drei Sekunden“, erklärt Kristof Broocks (11). Michael Schwarz: „Wir freuen uns sehr, dass wir Bargteheide akustisch ein Stück bunter machen konnten.“

Bürgermeister Dr. Henning Görtz sagte zu, dass die Stadt noch ein Schild aufstellen wird, das die Namen der beteiligten Schüler und die Titel ihrer Beiträge nennt. Das Kooperationsprojekt von Schule, Schulsozialarbeit und Stadt soll 2016 wiederholt werden. Görtz: „Den Deal können wir hier gleich machen, dass wir uns nächsten Sommer hier wieder an der Sprachdusche treffen.“

www.radio-eckhorst.de
www.bargteheide.de


Cornelia Büddig

Die Autoren der neuen „Sprachdusche“-Texte
Sven Retter, Kim Schenk, Nicole Kieper, Bosse Kastius, Mika Paulus, Sidney Warney, Kristof Broocks, Niko Witzke, Ben Grage, Tim Beecken, Jan Körner, Fiona Freystadt, Alina Dunkel, Kathi Albrecht, Jorne Eßelborn, Alina Burmester, Natalia Mikurda, Amrei Tasuch, Noah Weiswange, Alexander Mortzfeldt, Linus Witte, Gordon Preuß, Louisa Kalkmann, Aurelia Nowak, Vincent Selmert, Heike Dannich, Walter Dannich, Philine Letz, Sanna Reichel, Flemming Stein und Maximilian Zibell.

Projektleitung
Nadine Morz, Christine Anders und Sebsatian Höroldt (Gymnasium Eckhorst) und Claudia Selzener (Schulsozialpädagogin).

 

Wo neue Texte sprudeln

[ Stormarner Tageblatt vom 17.7.2015 ]

Eckhorst-Schüler, Projektleiter und Bürgermeister stellten gestern die mit neuen Beiträgen aufgefrischte Sprachdusche vor. Foto: JPM
Eckhorst-Schüler, Projektleiter und Bürgermeister stellten gestern die mit neuen Beiträgen aufgefrischte Sprachdusche vor. Foto: JPM Eckhorst-Schüler, Projektleiter und Bürgermeister stellten gestern die mit neuen Beiträgen aufgefrischte Sprachdusche vor. Foto: JPM

Bargteheide. Es lohnt sich, mal wieder die Bargteheider Sprachdusche anzuhören. Seit gestern verkündet sie neue Texte. Die haben 34 Schüler des Eckhorst Gymnasiums zusammengestellt und aufs Kunstwerk aufgespielt. In einer Projektwoche haben sie ihre Texte verfasst, Sie stand unter dem Motto aus Goethes Osterspaziergang: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Die Idee stammt von einer Bargteheiderin, die den Bürgermeister darauf ansprach. „In meiner Sprechstunde wies sie darauf hin, dass die bisherigen Texte doch schon einige Jahre alt sind“, sagte Bürgermeister Henning Görtz gestern bei der Vorstellung des Projekts. Er gab die Anregung weiter ans Gymnasium, das mit seinem Radio- und TV-Studio gute Voraussetzungen dafür bietet. Ein Unterrichts-Schwerpunkt ist dort Poetry Slam.

„Das Projekt Sprachdusche reloaded kam bei den Schülern sehr gut an und hatte viel Zulauf“, so Schulkoordinator Michael Schwarz. Das Ergebnis könne sich hören lassen: „Bargteheide ist damit etwas bunter geworden.“ Die Texte wurden teils auch in französischer, englischer, spanischer und polnischer Sprache verfasst. Die Sprachdusche liefert dazu aber auch die Übersetzungen. Das gesamte Programm ist etwa 45 Minuten lang. Beteiligt waren Schüler aus dem 5. bis zum 12. Jahrgang.

„Dabei haben wir uns auch auf privater Ebene besser kennengelernt“, sagt Lehrerin Nadine Mroz. „Wir haben Shakespeares „Romeo und Julia“ in zeitgemäßes Englisch übertragen“, sagt Schülerin Sanna Reichel. Der viereinhalb Minuten lange Beitrag sei auch provokant – die Tragödie zuvor Unterrichtsstoff gewesen, ergänzt Mitschüler Flemming Stein.

„Wir haben Witze und ein Quiz über Bargteheide verfasst“, sagt ein Schüler. Antworten sind auch gespeichert. Die Klasse 5 b hat Ausflugstipps beigesteuert. Im kommenden Jahr soll das Projekt wiederholt werden, dann wird es neue Texte für das Kunstwerk am Dorfteich geben, das vor sieben Jahren in Betrieb ging.

jpm

Die Beiträge für die Sprachdusche sind auch der Internetseite der Radiomacher am Gymnasium zu hören: www.radio-eckhorst.de.


Schulprojekt

Schüler erfrischen in Bargteheide Sprachduscher

Die Fünftlässlerinnen Fiona Freystadt (l.) und Kimberly Schenk haben sich Fragen zu Bargteheide überlegt. – Foto: Janina Heinemann
Die Fünftlässlerinnen Fiona Freystadt (l.) und Kimberly Schenk haben sich Fragen zu Bargteheide überlegt. – Foto: Janina Heinemann Die Fünftlässlerinnen Fiona Freystadt (l.) und Kimberly Schenk haben sich Fragen zu Bargteheide überlegt. – Foto: Janina Heinemann
[ Hamburger Abendblatt vom 18.7.2015] Von Janina Heinemann

34 Gymnasiasten füllen neue Texte in das Kunstwerk am Bargteheider Dorfteich. Passanten können jetzt 45 Minuten genau hinhören.

Bargteheide.  Statt Wasser sprudeln Worte aus dem Duschrohr, wenn jemand auf den Knopf drückt: Die Sprachdusche am Dorfteich im Bargteheider Zentrum erfrischt Passanten seit sieben Jahren mit Texten zu einem bestimmten Thema. Nun ist sie frisch befüllt worden – mit neuen Worten. 34 Schüler des Gymnasiums Eckhorst haben sich Texte überlegt. Thema: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Lehrerin Nadine Mroz sagt: "Mir kam der Titel in den Sinn, weil sich Bargteheider hier wohlfühlen und als Mensch fühlen sollen."

Dass ihr ausgerechnet ein Zitat aus Goethes "Faust" einfiel, liegt auf der Hand: Mroz unterrichtet Deutsch und Philosophie. Sie habe bewusst ein offenes Thema gewählt, sagt sie. "Die Schüler konnten kreativ sein, ihre Texte nach Lust und Laune gestalten."

Die Texte entstanden während einer Projektwoche in der Schule

Ihr Kollege Michael Schwarz ist vom Werk der Schüler begeistert. "Sie waren mit ganz viel Kreativität bei der Sache." Er sei froh und glücklich über das Ergebnis. Schulsozialpädagogin Claudia Selzener, die bei der Verwaltung für kommunale Kinder- und Jugendbeteiligung zuständig ist, sagt: "Es war toll, bei diesem Projekt meine beiden Tätigkeiten zu kombinieren."

Aurelia Nowak (l.) und Sanna Reichel waren kreativ. Sie bringen mit spanischen und englischen Texten Vielfalt in das Hörerlebnis. – Foto: Janina Heinemann
Aurelia Nowak (l.) und Sanna Reichel waren kreativ. Sie bringen mit spanischen und englischen Texten Vielfalt in das Hörerlebnis. – Foto: Janina Heinemann Aurelia Nowak (l.) und Sanna Reichel waren kreativ. Sie bringen mit spanischen und englischen Texten Vielfalt in das Hörerlebnis. – Foto: Janina Heinemann

Die Sprachdusche zu befüllen war quasi eine Auftragsarbeit der Stadt. Eine Bürgerin hatte Bürgermeister Henning Görtz um "etwas Neues" gebeten. Görtz habe daraufhin Selzener mit dieser Aufgabe betraut. Und dann wurden die 34 Schüler aus den Jahrgangsstufen fünf bis zwölf während einer Projektwoche aktiv. "Unser Text ist provokant", sagt Sanna Reich. Die 18-Jährige hat mit ihrem Klassenkameraden Flemming Stein Shakespeares "Romeo und Julia" in heutiges Englisch übertragen. Sanna: "Wir haben die Geschichte etwas überspitzt dargestellt." Was heißt das? "Es folgt Kracher auf Kracher, Parole auf Parole."

Spanische Zungenbrecher, Quizfragen zu Bargteheide, Witze und Gedichte

Einige Schüler der Klasse 5b haben sich Quizfragen überlegt. Mika sagt: "Erst wollten wir einen Witz erzählen, aber der war nicht lustig." Stattdessen stellen sie den Zuhörern – Pardon: Sprachduschern – Fragen zu Bargteheide mit je drei Antwortmöglichkeiten. "Nach drei Sekunden gibt es auch die Antwort zu hören", sagt Mika. Seine Klassenkameradin Fiona hat sich Fragen zum Gymnasium Eckhorst ausgedacht, Kimberly und ihre Freundin stellen Fragen zu Bargteheides Umland.

Etwas ausgefallen ist die Duschsequenz von Aurelia. Die 17-Jährige hat spanische Zungenbrecher aufgenommen. Aurelia: "Ich habe 15 Jahre lang in Spanien gelebt. Spanisch ist meine zweite Muttersprache." Neben Deutsch, Englisch und Spanisch kann auch Polnisch und Französisch geduscht werden. Und zwar insgesamt 45 Minuten lang. Michael Schwarz: "Die Schüler haben Bargteheide akustisch bunter zu machen."