[ Lübecker Nachrichten vom 27.1.2012]

15 Austauschschüler besuchen das Gymnasium Eckhorst und korrigieren ihr Deutschlandbild.

„Grünkohl“ ist das Stichwort: Die Brasilianer aus Sao Paulo finden das deutsche Essen wirklich gut - und noch viele andere Dinge. Beispielsweise die Freiheit, die die deutschen Austauschschüler genießen. Foto: ba

Die Deutschen sind blond, pünktlich und lieben Bier und Wurst – so sah das Bild vom Deutschen bei 15 brasilianischen Schülern aus, die zurzeit am Bargteheider Eckhorst Gymnasium zu Gast sind.

„Die Schüler besuchen eine Privatschule in Sao Paulo, sind seit 19. Dezember in Bargteheide und bleiben noch bis zum 4. Februar“, erläutert Hildegard Steil-Ströhmann, die das Austausch-Projekt betreut. Untergebracht sind die Gäste bei deutschen Mitschülern, mit denen sie sich auch unterhalten können: Die Gäste besuchen in Brasilien den bilingualen Zweig und lernen alle Deutsch. Während ihres Besuchs waren die Schüler schon viel unterwegs, denn die Reise dient dem Kulturaustausch, „viele der Schüler haben deutsche Wurzeln.“ Sie nehmen normal am Unterricht teil, lernen bei kurzen Reisen aber auch deutsche Geschichte und europäische Kultur kennen.

„Wir waren in Berlin im Pergamon-Museum, in einem ehemaligen Stasi-Gefängnis und im Mauermuseum“, berichtet Pädagoge Kolja Toll, „das Interesse der Schüler an deutscher Geschichte ist sehr groß.“ Die Fahrten mit Bus und Bahn sind für die Gäste ungewöhnlich.

„In Deutschland haben die Schüler viel mehr Freiheit“, hat Gabi beobachtet, „wir werden in Brasilien überall hingefahren und abgeholt. Die Schüler hier dürfen alles alleine machen.“ Auf Schnee und Eis hatten sie gehofft, aber wenigstens erleben sie jetzt ein paar kalte Tage.

„Die Deutschen ziehen sich ständig an und aus“, wundert sich Rodriguez – in Brasilien gibt es keine Heizungen, und dort ist man drinnen wie draußen gleich gekleidet. „Am Strand von Timmendorf haben sich die Jungs die T-Shirts ausgezogen“, berichtet Toll, „dabei war es um die null Grad.“ „Das deutsche Essen ist sehr gut“, sind sich die brasilianischen Schüler einig, „Grünkohl“, ruft einer in den Raum und bekommt viel Zustimmung. Bei der Freizeitgestaltung gibt es nur Übereinstimmung – Chillen sieht in Brasilien und Bargteheide gleich aus. „Nur mit der Pünktlichkeit haben die Brasilianer es nicht so“, erzählt eine Schülerin.


Demnächst fährt die ganze Truppe ins Auswanderermuseum nach Hamburg. Dort sehen die Gäste vielleicht Bekanntes, denn viele ihrer Vorfahren sind ausgewandert. In Brasilien gibt es Städte mit deutschen Wurzeln. „Hundert Schüler aus Brasilien sind derzeit in Deutschland“, sagt Hildegard Steil-Ströhmann. Und in den Sommerferien fährt eine Gruppe vom Eckhorst-Gymnasium zum Gegenbesuch. Die Gastgeschenke sind dann wahrscheinlich Wurst, Bier und Grünkohl.

Bettina Albrod