[ Stormarner Tageblatt vom 27.1.2011]
 
Brasilianische Schülerinnen begeistert von Bargteheide, Winter und Freiheit
Bargteheide
Leise rieselt der Ton: So etwas wie eine Sprachdusche, wo statt Wasser Texte sprudeln, kennen Anna Carolina, Beatriz und Isabella (v.r.) aus Sao Paulo natürlich nicht. Schirin Lipschütz (l.) und Carina Otto vom Eckhorst Gymnasium hören ebenso gespannt zu.
Foto: stolten

Sprachdusche
Sprachdusche Sprachdusche
Hier Eis und Schnee – dort 35 Grad, hier klein und idyllisch – dort riesig und hektisch, hier kann man sich frei bewegen – dort ist es zu gefährlich. Hier ist Bargteheide – dort ist Sao Paulo (Brasilien): Fremde Welten, die aufeinander treffen, auf Tuchfühlung gehen. Möglich macht die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme das Eckhorst Gymnasium, besser gesagt Eckhorst-Lehrer Frank Stobäus, der derzeit an der Auslands-Privatschule, dem „Colegio Visconde de Porto Seguro“, in Sao Paulo unterrichtet und die Fäden für den Bargteheider Schüleraustausch gesponnen hat.

Insgesamt sind 110 brasilianische Mädchen auf verschiedene Schulen von München bis Flensburg verteilt. Drei 15-Jährige vom „Colegio Visconde“ – Anna Carolina de Paula Madrid de Marco, Isabella Furtado Menon und Beatriz Vianna – weilen mit ihrer Begleitlehrerin Jaqueline Kunz bereits seit dem 19. Dezember in Stormarn und bleiben noch bis zum 4. Februar. Untergebracht sind die Mädchen, die gut deutsch sprechen, bei Gastfamilien dreier Eckhorst-Schülerinnen: Carina Otto (Bargteheide), Schirin Lipschütz (Hoisbüttel) und Stella Werner (Sülfeld). Stella war gestern beim Empfang mit Bürgermeister Dr. Henning Görtz im Rathaus leider nicht dabei. Das „Eckhorst“ konnte auf sie bei einem Fußballturnier nicht verzichten.

Die brasilianische Begleitkraft wohnt derzeit bei Gymnasiallehrerin Hildegard Steil-Ströhmann, die sich hier mit um das „Trio vom Zuckerhut“ kümmert und den Austausch ausbauen möchte. So sei in den Sommerferien 2011 bereits ein Gegenbesuch geplant, erklärt sie.

Die Gäste nehmen am Unterricht und an Ausflügen nach Hamburg, Lübeck, Berlin teil und unternehmen eine Menge mit den Gastfamilien, die sich rührend kümmern. Von Bargteheide sind die Drei begeistert: Es sei eine kleine, süße Stadt mit schönen und alten Gebäuden. In Sao Paulo (mit Umland 20 Millionen Einwohner!) gebe es viele Hochhäuser und graue Bauten. Besonders vom Wetter seien sie überrascht. Es ist zwar ein wenig kalt, aber der viele Schnee und das Glatteis waren toll, super“, sagt Isabella: „Bisher kannte ich weiße Bäume und schneebedeckte Autos nur aus Filmen.“

Völlig perplex ist der Besuch von der „Freiheit“. Hier könne man sich überall frei bewegen. Das sei in Sao Paulo nicht der Fall und zu gefährlich. Sie dürften nicht Bus fahren und würden von den Eltern oder Chauffeuren kutschiert. Einfach mal durch die Rathausstraße zu bummeln, sei klasse. Als klein empfinden die Gäste auch das Eckhorst Gymnasium. „Unsere Schule besteht aus drei Einheiten und hat insgesamt 11 000 Schüler“, betont Jaqueline Kunz. In der Einheit ihrer Mädchen seien es immerhin 5000 Schüler. „Die Privatschule wurde vor 130 Jahren von Deutschen gegründet. Deshalb wird auch so viel Wert auf Deutsch gelegt.“ Der Unterricht (Vorschule bis Gymnasium) findet von 7 Uhr bis abends in drei Schichten statt. Deutsch ist ab der 1. Klasse Fremdsprache. Hier indes läuft und ist vieles anders. Aber gerade das hat bei Isabella Eindruck hinterlassen. Sie kann sich vorstellen, hier in Deutschland zu leben. „Bis auf die Kälte ist es viel besser als in Brasilien.“Volker Stolten

 

"Wir sind wie Zwillinge"

[ Hamburger Abendblatt vom 4.2..2011]  

Stella aus Sülfeld und ihre brasilianische Gastschwester Isabella haben ganz viele Gemeinsamkeiten entdeckt

Sülfeld/Bargteheide. Stella und Isabella. Das ist der perfekte Titel für eine Telenovela. Sie erzählt die Geschichte zweier junger Mädchen aus zwei verschiedenen Welten - das eine aus dem beschaulichen Sülfeld in Stormarn, das andere aus dem gigantischen São Paulo, der größten Stadt Brasiliens. Zwei Mädchen, die 15 Jahre lang 10 000 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen sind und sich doch beim ersten Blick sofort wie Schwestern fühlen. Diese Telenovela gibt es nicht. Aber dafür ist die Geschichte wahr.

Vor sieben Wochen kam Isabella Menon als Austauschschülerin nach Deutschland und landete in der Familie von Stella Werner. "Ich hatte ein bisschen Angst, ob wir uns auch verstehen würden. Ich hatte ja nur Erfahrung mit meinen drei Brüdern. Aber jetzt habe ich auch eine Schwester", sagt Stella und strahlt. "Wir sind Zwillinge", setzt Isabella noch eins drauf und nimmt das deutsche Schwesterherz vor lauter Zuneigung in den Schwitzkasten.

Wer die beiden Mädchen nebeneinander sieht, würde ihnen die Zwillingsversion sofort glauben: die gleiche Statur, die gleiche Größe, die gleichen langen Haare, das gleiche Lachen und selbst ähnliche Bewegungen. "Wir haben auch fast am selben Tag Geburtstag", sagt die 15-jährige Stella und krault ihren Sammy - einen polnischen Jagdspaniel. Er ist zwei Jahre alt. "Wir haben auch einen Hund", sagt Isabella. Versteht sich. Wie alt der ist? "Zwei Jahre", sagt die Brasilianerin. Natürlich.

Seit dem 19. Dezember hatten die beiden Mädchen auch denselben Schulweg: Richtung Bargteheide, zum Eckhorst-Gymnasium - für Isabella mehr so eine Art Puppenstube. 760 Schüler? "Wir haben 5000 Schüler. Und an allen drei Zweigstellen zusammen sind es 20 000", sagt Isabella, die in São Paulo die Deutsche Schule besucht. Die war es auch, die den Austausch organisiert hatte. Sie schickte 100 brasilianische Jugendliche für knapp zwei Monate nach Deutschland. Drei kamen ins Bargteheider Eckhorst-Gymnasium. "Außer mir noch Anna Carolina und Beatrice", sagt Isabella. Nach acht Jahren Unterricht kann sie sich mit ihrer deutschen Schwester fließend unterhalten. "Na ja, manchmal sprechen wir auch Englisch. Das geht noch etwas besser", sagt Stella, die nun auch ein paar Brocken Portugiesisch kann. Was zum Beispiel? "Eu te amo". Und was heißt das? "Ich liebe dich", sagt Stella. Und schon giggeln die beiden wieder, die seit sieben Wochen unzertrennlich sind und, obwohl jede ihr eigenes Zimmer hat, ständig beieinander hocken.

Stella spielt Fußball. Isabella kam mit und schaute beim Training zu. Vier Tage fuhren die beiden nach Berlin. Sie schauten sich in Hamburg den "König der Löwen" an, sie backten Muffins und Schokokuchen, surften im Internet, Isabella las Stella ihr altes Kinderbuch vor, sie sahen die Fernsehserie "One Tree Hill", kochten Spaghetti und feierten mit der ganzen Familie Werner Silvester. Mehr Völkerverständigung geht nicht. Auch Weihnachten war man zusammen. "Alle fragen mich das", sagt Isabella und lacht, "aber natürlich haben wir auch in Brasilien einen Tannenbaum." Aber keine weiße Weihnachten. "Ich habe noch nie so viel Schnee gesehen", sagt die Brasilianerin und schüttelt ihre dunkle Mähne.

Und es gab noch mehr für sie zu entdecken. Zum Beispiel das gute deutsche Butterbrot. Isabella: "So was habe ich noch nie gegessen. Aber das ist lecker." Ab Sonnabend steht für sie wieder Churrasco auf dem Speiseplan, gegrilltes Fleisch mit scharfer Soße. Auch auf Tapioca, eine Art Crêpes, freut sich Stella schon und auf Jabuticaba - Früchte des brasilianischen Traubenbaums. Am meisten freut sie sich aber auf die Eltern und ihre ältere Schwester. Vorher kommt jedoch der Abschied vom deutschen Schwesterherz. Das wird hart. Der Flieger geht heute um 17 Uhr.

Nur gut, dass Stella in den Sommerferien zum Gegenbesuch nach São Paulo kommt. Dann wird sie sich durch die Menschenmassen schieben, mit 5000 Schülern durch die Flure laufen, mit Isabella kochen und die brasilianischen Köstlichkeiten probieren und bei angenehmen 25 Grad den südamerikanischen Winter genießen. Den entscheidenden Satz für alle Fälle hat sie ja schon gelernt: Eu te amo.