[ Stormarner Tageblatt vom 20.1.2009 ]

 

 

Der singende Lehrer verlässt das Gymnasium Eckhorst: Wolf Leichsenring. Ende des Monats geht der 62-jährige Studiendirektor in Pension, wird aber im Ruhestand weiterhin als Opernsänger und als passionierter Camper auf Tour gehen.

 

 



 
Foto: Stolten

Bargteheide - Als das Gymnasium Eckhorst als Ableger des KGB 1983 aus der Taufe gehoben wurde, war Wolf Leichsenring Geburtshelfer. Dass sich die Bildungsschmiede so prächtig entwickelt hat, ist mit sein Verdienst. So schwingt zum Abschied auch ein klein wenig Wehmut mit. Ende des Monats hört der stellvertretende Schulleiter auf.

Bargteheide/vst – Nein, ein guter Schüler sei er nicht gewesen – zumindest nicht auf dem Gymnasium in Bad Oldesloe. „Ich hab’ maximal die Achte gemacht, bin mehrmals sitzen geblieben“, sagt Wolf Leichsenring. Aus ihm geworden ist dennoch etwas und das in zweifacher Hinsicht: Er ist Lehrer und Opernsänger – beides mit Leib und Seele. Während er jedoch seinem Hobby weiter nachgeht, hängt er Ende Januar seinen Beruf nach mehr als 30 Jahren an den Nagel und geht in den wohlverdienten Ruhestand. Der ihm übrigens keine Angst macht. „Die nächsten drei Jahre sind verplant“, erklärt der Bad Oldesloer freudig – mit Auftritten und Reisen. „Meine Frau und ich sind leidenschaftliche Camper – seit 25 Jahren – und hoteluntauglich. Der Hänger steht vor der Tür, wird gepackt.“

Am 2. Februar geht die mehrmonatige Tour samt Wohnwagen los. Sizilien, Korsika, Kreta und Inselhopping stehen auf der Route. Erst im Mai kommen die Leichsenrings wieder, um im Herbst gleich wieder nach Frankreich aufzubrechen. „Wir mögen das freie Campingleben“, so der 62-jährige Studiendirektor, der mit seiner zweiten Frau zusammen fünf Kinder hat. Zwischen ihren Reisen gibt die Kunst den Ton an.

Seine Frau – ehemalige Lehrerin in Hamburg – malt, er singt seit einer Ewigkeit, mit Vorliebe Opern: 13 Jahre schmetterte der Bass Arien in Hamburg. Seit 1997 hat er ein festes Engagement am Theater Lübeck. Hinzu kommen seine jährlichen Auftritte im Rahmen der bekannten Ost-West-Begegnungen mit Pianistin Natalja Klem. Demnächst sind beide im Kloster Nütschau zu hören.

Geboren wurde Wolf Leichsenring als Weihnachtskind am 25. Dezember 1946 in Neuruppin. Sechs Jahre später zog es die Familie nach Bad Oldesloe. Nach seinem missglückten Gymnasiumsbesuch in Bad Oldesloe kam er ins Internat und besuchte das Nordsee-Gymnasium in Büsum. „Der Atmosphärenwechsel hat mir gut getan“, fällt sein Fazit aus. 1967 machte er sein Abitur, leistete 18-monatigen Wehrdienst in Putlos und studierte ab 1969 in Hamburg auf Lehramt. „Mein Vater war Lehrer.“ Dennoch sei seine Berufswahl ein schleichender Prozess gewesen. Das 1. Studienfach war klar: Französisch. Beim zweiten Fach „stand ich zwischen Baum und Borke. Musik als Pflicht wollte ich nicht.“ Einer seiner drei Brüder erleichterte ihm die Entscheidung. „Der war an der deutschen Botschaft in Moskau.“ Beide trafen sich in Helsinki zur Autoreise. In einem VW düsten sie los. In Moskau hörte er dann das erste Mal Russisch und war gleich hin und weg. „Die klangvolle Sprache hat mich nicht mehr losgelassen. Russisch ist für mich wie Musik.“ So stand das 2. Studienfach fest.

Nach seinem Examen und einem einjährigen Frankreich-Aufenthalt erhielt er gleich ein Referendariat an der Käthe-Kollwitz-Schule in Kiel. „Russisch war da gar nicht gerne gesehen, alter Ostblock, Feindbild“, sagt Leichsenring. Dann rief ihn der damalige KGB-Leiter, Hansjürgen Eck, an. „Wir kannten uns durch Leserbriefe.“ Beide standen wegen Brandts Ostpolitik über Kreuz. Dennoch verlief das Vorstellungsgepräch im KGB optimal. Leichsenring hatte die Stelle. Von 1976 bis 1983 lehrte er dort. „Eine schöne Zeit, zumal das Fach Russisch aufgebaut wurde.“

Besonders nach der Grenzöffnung sei er häufiger nach Russland gefahren. 1990 begleitete er auch den ersten Hilfskonvoi von Bargteheide aus nach Russland. Als dann die Außenstelle Eckhorst aus dem Boden gestampft wurde, stellte Leichsenring dort gleich den Stundenplan auf und absolvierte ein einjähriges Fernstudium (Schulorganisation, Personalmanagement).

Von 1986 bis 1990 war er Oberstufenleiter. Dann stellte sich die Frage des stellvertretenden Schulleiters und die Wahl fiel auf Wolf Leichsenring: „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich 30 Jahre in Bargteheide bleiben würde, hätte ich dem einen Vogel gezeigt.“ Die Schule habe er genossen. „Besonders gefallen hat mir das Gebäude – zudem die Lage, grüne Lunge, und die Überschaubarkeit. Bei der mittleren Größe hat man noch alles im Blick und jeden Schüler mal im Unterricht. „Man muss Schüler ernst nehmen und ihnen Grenzen setzen. Darauf haben sie ein Anrecht.“ Zudem sollte man allen respekt- und verständnisvoll begegnen. „Ich war hier vom Kollegium herrlich eingebettet“, erzählt Leichsenring, der bedauert, seine Kollegen zurücklassen zu müssen. „Ich arbeite gerne und würde, wenn ich die Wahl hätte, wieder Lehrer werden.“ Dennoch sehe er seinem Ruhestand freudig entgegen und gehe zufrieden, ohne jedweden Groll.

Er sei nie 24 Stunden lang im Job gewesen, habe immer eine Grenze gezogen. „Das muss man lernen.“ Es gebe noch was anderes als Schule. Gleichwohl „bleibt man mit einem Stück des Herzens dabei“. Der Kontakt bleibe. „Ich habe viele Leute lieb gewonnen und bei allem Ärger und bei allen steigenden Anforderungen damals die richtige Wahl getroffen“, betont Leichsenring und hält an seinem Lebensmotto fest: „Wer will, findet Wege – wer nicht will, findet Gründe.“

volker stolten


Die Musik lockt: Wolf Leichsenring geht in Ruhestand


[ Ahrensburger Zeitung vom 26.1.2009 ]

Bargteheide - Der Musik gilt seine Liebe, dem Bargteheider Eckhorst-Gymnasium sein volles berufliches Engagement. Jetzt geht der stellvertretende Leiter Wolf Leichsenring in den Ruhestand. Am kommenden Freitag ist sein letzter "Schultag". Mit seiner Frau bricht er dann in den Süden auf. Mit dem Wohnmobil wollen sie Sizilien, Korsika, Kreta und die Ägäischen Inseln erkunden.

In Neuruppin geboren, flüchtete er mit seiner Familie 1953 aus der DDR und ließ sich zunächst in Bad Oldesloe nieder. "Ich bin zweimal sitzen geblieben", verrät er, "mein Abitur habe erst in Büsum gemacht." In Kiel studierte er Russisch und Französisch, seine Philosophiekenntnisse erwarb er als Autodidakt. "Mit dem Unterrichtsfach Russisch war es nicht einfach, eine Stelle zu finden", sagt er, "es wurden sogar kommunistische Neigungen unterstellt." Doch im heutigen Kopernikus-Gymnasium fand er mit Hansjürgen Eck einen aufgeschlossenen Schulleiter. Später wechselte er zum Eckhorst-Gymnasium, das er von Anfang an mit aufgebaut hat.

Bis zum vergangenen Jahr war er auch immer wieder als Reserveoffizier für die Bundeswehr tätig. Dabei waren seine Sprachkenntnisse nützlich. "Ich habe in Konferenzen gedolmetscht und half beim Aufbau der deutsch-französischen Brigade", sagt er. Nach dem Zusammenbruch der DDR baute er auch die Patenschaft der Bundeswehr mit einer polnischen Division auf. "Zwei grundlegende Öffnungen nach Westen und nach Osten habe ich so erlebt", sagt er.

Auch am Aufbau der Schulpartnerschaften mit den Kommunen Montoir und Déville in Frankreich war er beteiligt. Inzwischen pflegt das Eckhorst-Gymnasium auch Partnerschaften mit Schulen in Tschechien, Polen und Estland. "So bekommen wir Frieden in Europa", sagt er, "denn wer sich kennt, schießt nicht so schnell aufeinander."

Für sein großes Hobby Musik hat er jetzt genügend Zeit. Schon als Kind hat er Klavier gelernt. Als Sänger hat er sich autodidaktisch gebildet. Heute singt als Bass an der Oper in Lübeck. Als Solist ist er auch immer wieder in Stormarn präsent. Begleitet wird er von der jungen Pianistin Natalja Klem, die er über die Migrationsstelle in Bad Oldesloe kennengelernt hat. Im Programm haben sie auch russische und tschechische Opern. Auch die Komponisten Mozart und Lortzing sind seine Favoriten.

Auf seine Arbeit in Bargteheide blickt er gern zurück. "Es bleibt keine Wunde", sagt er, "die Konflikte wurden immer fair ausgetragen." Sein Motto: "Wer etwas will, findet Wege - wer etwas nicht will, findet Gründe." Am kommenden Freitag wird er im Gymnasium verabschiedet.
jpm

erschienen am 26. Januar 2009

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 31. März 2011 um 13:59 Uhr