[Stormarner Tageblatt vom 17.3.2007]


 

Der Mann, der Hitlerjunge Salomon war: Sally Perel signiert ein Buch. Bereits vor 7 Jahren war er im Gymnasium Eckhorst.



 

Einer der letzten Zeitzeugen des Dritten Reiches: Der 82-Jährige erzählt von seinem Überlebenskampf im Dritten Reich und liest vor.



 

Schüler der Klassen 10 bis 13 hören gespannt zu und stellen im Anschluss der Autorenlesung in der Kuhle viele Fragen.


Fotos: Volker Stolten

BARGTEHEIDE - Bargteheide / vst – „Ich möchte mit der vollen Wahrheit den Verstand erleuchten, das ist mein Anliegen“, sagte Sally Perel zu den Hunderten von Zuhörern. Der 82-Jährige, einer der letzten Zeitzeugen des Nazi-Terrors, war im Gymnasium Eckhorst zu Gast und erzählte von seinem Überlebenskampf im Dritten Reich. Seine Autobiografie wurde verfilmt, der Streifen mit einem „Golden Globe“ geehrt. Sally Perel war „Hitlerjunge Salomon“.

Sally Perel: „Meine einzige Waffe war die Lüge“
„Shalom!“ Einer der letzten Zeitzeugen des Dritten Reiches war gestern zu Gast im Gymnasium Eckhorst und schilderte seine unglaubliche Lebensgeschichte:
Sally Perel. Er war der „Hitlerjunge Salomon“.

Bargteheide
/ vst – Gestern Morgen, 8.30 Uhr im Bargteheider Gymnasium Eckhorst. Die Kuhle der Schule ist mit Pennälern der Klassen 10 bis 13 voll besetzt. Alle blicken gespannt nach vorn zu Sally Perel. Der 82-Jährige begrüßt sein junges Publikum mit „Shalom“ (Frieden). Bereits vor sieben Jahren war er hier und sein Anliegen, mit der „vollen Wahrheit den Verstand zu erleuchten“, seine Lebensgeschichte der Jugend zu überliefen im Namen der Menschlichkeit, der Nächstenliebe, des Friedens.

Auch diesmal appelliert er: „Überliefert meine Ausführungen als meine Zeitzeugen, um vorzubeugen. Diese Zeit darf nicht vergessen werden. Bitte wachsam sein. Denn sie (die Neonazis, d. Red.) marschieren wieder“ wie vor Ewigkeiten während des Nazi-Terrors, als „Sally“ Perel die Hölle auf Erden , den Massenmord an seinem Volk mit sechs Millionen Toten, erlebt. Nicht als Volljude, sondern in der Haut des Feindes als „Hitlerjunge Joseph „Jupp“ Perjel. Seine 1992 geschriebene Autobiografie „Hitlerjunge Salomon“ steht für den gleichnamigen Kinofilm Pate. Cineastische Lorbeeren folgen: ein „Golden Globe“, eine „Oscar“-Nominierung.

In sich ruhend, aber dennoch eindringlich schildert Sally Perel wie er zum Vorzeige-Soldaten wurde und der Fratze des Nazi-Regimes jahrelang trotzen konnte – mit einer Lüge. „Sie war meine einzige Waffe.“ 1925 wird er in Peine geboren und verlebt dort „zehn glückliche Kinderjahre, ohne Handys, Pokemon, McDonald‘s und blutige TV-Krimis“, erklärt Perel. Das Publikum lacht!

Salomon Perel ist acht Jahre alt, als Hitler 1933 an die Macht kommt: „Der charismatischste Redner seiner Zeit“, gibt der Autor freimütig zu. Dass die Nürnberger Rassengesetze 1935 in Kraft treten, ist für ihn heute noch unfassbar: „Das Land der Dichter und Denker hat gesetzlich den Völkermord durchgeführt.“ Noch im gleichen Jahr flüchtet die Familie nach Polen. Als dort am 1. September 1939 die Deutschen einmarschieren, geht die Odyssee für den 14-Jährigen und seinen älteren Bruder Isaak auf Befehl der Eltern weiter. „Salomon, du sollst leben“, betont seine Mutter, von der Sally Perel mit tiefster Bewunderung spricht. Die beiden Jungs werden getrennt und nach weiteren Stationen etwa in einem Waisenhaus fällt Salomon (nun 16) in einem Dorf vor Minsk deutschen Truppen in die Hände: „Ich bin Volksdeutscher“, sagt „Jupp“ Perel. Während man anderen die Hosen runterzieht, um zu sehen, ob sie beschnitten sind, glaubt man ihm unbesehen: Sein Doppelleben beginnt. Tagsüber ist er „Heil-Hitler“-begeistert, nachts vergießt er Tränen. Zwei sich tödlich gegenüber stehenden Seelen wüten in seiner Brust.

Schnell erlangt der Hitlerjunge Jupp Beliebtheit, hilft als Dolmetscher aus, wird an der Ostfront eingesetzt und kommt schließlich auf ein Internat der Hitlerjugend nach Braunschweig. Täglich atmet er die Angst: Die Furcht aufzufliegen ist allgegenwärtig. Während seine Familie (bis auf Isaak) im Ghetto stirbt, schafft es Salomon, bis zum Ende des Krieges am Leben zu bleiben. 1948 wandert Perel nach Israel aus und setzt sich seitdem als Mitglied der israelischen Friedensbewegung für ein besseres Miteinander ein.

Volker stolten

Im Anschluss fand zwischen dem Autor und den Gymnasiasten noch ein Dialog statt. Dabei stand Perel Rede und Antwort – siehe den nebenstehenden Text.

Schuld ist nicht erblich


Kurze Frage, Herr Perel – Dialog mit Schülern
Bargteheide / vst – Nach dem eindringlichen Vortrag und der Lesung (siehe oben) stand Zeitzeuge Salomon Perel in Bargteheide Schülern Rede und Antwort – hier Auszüge:

Schüler: Wie wurde Ihre Lebensgeschichte in Israel gesehen?

Perel: Einige wenige bemängelten die Moral. Doch ich wollte nicht moralisch sterben, sondern moralisch leben. Ich musste so handeln, um zu überleben. Ich habe mein Leben nicht auf Kosten anderer gerettet. Deshalb brauche ich mich nicht zu entschuldigen.

Schüler: Wie werden in Israel die Neonazi-Übergriffe bei uns aufgenommen?

Perel: Kritisch, aber die Menschen wissen, dass sich die deutschen Jugendlichen bis auf wenige Dummköpfe um 180 Grad gedreht haben und heute gegen jedwede Manipulation gut geimpft sind. Sie können nichts dafür, was damals passiert ist. Schuld ist nicht erblich.

Schüler: Was halten Sie von der Politik Bushs im Irak?

Perel: Das ist eine verbrecherische Politik, die mit einer Lüge vorbereitet wurde, und in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Schüler: Wie war das mit den Gefühlen zu anderen Hitlerjungen?

Perel: Es hat sich eine gute Kameradschaft entwickelt. Mit einigen Soldaten treffe ich mich heute noch.