[ Hamburger Abendblatt vom 2.3.2019 ]

Gesine Schwan (Mitte) hielt die Festrede bei der Olof-Palme-Friedens­preis­verleihung. Hier ist sie mit dem Sieger, der Volkstrauergruppe Bargteheide, zu sehen. Links neben ihr Birgit Garten­schläger und rechts Mitgründerin Heidburg Behling.

 

Die Bargteheider Volkstrauertagsgruppe ist von der Stormarner SPD ausgezeichnet worden. Sie bindet Schüler in ihr Konzept ein.

Reinbek. Es war ein besonderer Abend für Heidburg Behling im Reinbeker Schloss, der zugleich im Zeichen des Abschieds stand. Sie ist Mitbegründerin und gute Seele der Bargteheider Volkstrauertagsgruppe, die seit dem Jahr 1983 für die Koordination der Gedenkveranstaltung in der 17.000-Einwohner-Stadt zuständig ist. Jetzt zieht sich die 79-Jährige zurück und wurde für ihre Arbeit noch einmal gewürdigt. Die frühere Gymnasiallehrerin und ihre Mitstreiter gewannen den mit 2250 Euro dotierten Olof-Palme-Friedenspreis der Stormarner SPD – und das bereits zum zweiten Mal nach 1987, als die Verleihung Premiere hatte.

Gymnasiasten lesen bei der Gedenkveranstaltung

Behling hat es geschafft, die Jugend für den Volkstrauertag zu begeistern. Das ist kein leichtes Unterfangen. Aber die Pädagogin hatte gute Ideen, das Thema Jungen und Mädchen zugänglich zu machen. Das Ergebnis ist einmal im Jahr um 11 Uhr bei der Gedenkveranstaltung im Stadthaus nach einem Gottesdienst und der Kranzniederlegung am Mahnmal zu sehen. Dort präsentieren Oberstufenschüler des Eckhorst-Gymnasiums Texte, Musik und szenische Lesungen, erinnern somit an die Gräuel des Krieges. Auch spielen sie vor bis zu 150 Besuchern kurze Filme ein. Begleitet wird die Veranstaltung von einem 25 Personen zählenden Erwachsenen-Chor.

Hinter dem Konzept steht der Begriff Friedenserziehung. Behling sagt: „Es beinhaltet drei Stichworte: Erinnerung, Mahnung und Hoffnung.“ Ihr Engagement begründet sie auch mit ihrer Vita und dem Theologiestudium. „Ich wurde als Kind mit meiner Familie zwangsumgesiedelt als Folge des Zweiten Weltkriegs.“ Die Bargteheider Gruppe kann die Veranstaltung inzwischen planen, ohne kontrolliert zu werden. Das war früher anders. „Wir mussten unsere Texte im Vorfeld mit der Politik abstimmen“, sagt Behling. Ein Manuskript mit dem Themenbereich Sinti und Roma sei seinerzeit nicht genehmigt worden.

Bekannte Schauspielerin und Kolumnistin Peggy Parnass war unter den 200 Gästen

Die Laudatio hielt Stormarns Landrat Henning Görtz, der in Bargteheide lebt und dort früher Bürgermeister war. Er skizzierte das Wirken der Gruppe und hob dabei insbesondere Behlings Einsatz hervor. „Der Leistung dieser Menschen gilt unsere Hochachtung“, so Görtz vor 200 geladenen Gästen, darunter sein Vorgänger Klaus Plöger, die bekannte Schauspielerin und Kolumnistin Peggy Parnass und Reinbeks Ex-Bürgermeister Detlef Palm. Görtz lobte auch Feuerwehren und andere, die sich unentgeltlich für das Gemeinwohl einsetzen: „Die ehrenamtliche Tätigkeit vor Ort ist der Kitt, der unsere Bürgergesellschaft zusammenhält.“

Neben den Bargteheidern waren auch der Oldesloer Walter Albrecht für sein Engagement im „Bündnis gegen rechts Stormarn“, Marianne Lentz aus Lütjensee für das Projekt „Fliehen – einst geflohen. Geschichten zu Flucht und Vertreibung“ sowie das Forschungsprojekt „Das Schicksal der jüdischen Familie Lehmann“ der Ahrensburger Gemeinschaftsschule am Heimgarten nominiert.

Gesine Schwan ruft zur Beteiligung an Europawahl auf

Eine Jury aus sieben Mitgliedern, das sogenannte Kuratorium, bestimmte den Sieger. Zu jenen, die votieren, gehören unter anderem der SPD-Landtagsangeordnete Martin Habersaat und Probst Matthias Bohl. Die Leitung des Gremiums obliegt Birgit Kassovic. Sie ist Vorstandsmitglied der Walter-Jacobsen-Gesellschaft, dem Kooperationspartner der SPD. Den Organisatoren gelingt es jedes Jahr, prominente Festredner zu gewinnen. Vor zwei Jahren sprach Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn in Reinbek, diesmal Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission.

Die 75-jährige Professorin ist seit mehreren Jahrzehnten in der Politik aktiv. Unter anderem war sie von 2004 bis 2009 die Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit der Bundesregierung. Gesine Schwan kandidierte 2004 und 2009 für das Amt der Bundespräsidentin, scheiterte jeweils im ersten Wahlgang.

Bei der Preisverleihung rief die Sozialdemokratin dazu auf, sich in Deutschland an der Europawahl am 26. Mai zu beteiligen, „um nationalistische Kräfte zu schwächen“. Sie beklagte zudem zu hohe Managergehälter und nannte immer wieder den Begriff Gerechtigkeit. „Dieser ist Grundlage für den Frieden“, so Schwan. Die Bargteheider Gruppe hat sich übrigens festgelegt: Sie wird das Preisgeld spenden. Der Empfänger steht noch nicht fest. Auch ohne Heidburg Behling setzt sie ihre Arbeit fort. In Bezug auf den Friedenspreis könnte man es auch so formulieren: Denn aller guten Dinge sind drei.

Foto und Text: René Soukup, Hamburger Abendblattfriedenspreis